Nachhaltiges Wirtschaften

Um eine nachhaltige Welt zur kreieren, in der die Bedürfnisse der gegenwärtigen und künftigen Generationen in Einhaltung der planetaren Grenzen gesichert sind, muss die Wirtschaft als eine der Hauptursachen der globalen Probleme verändert werden. In der Agenda 2030 und den SDGs  wurde 2015 in Paris der Grundstein gelegt. Folgende Ziele beziehen sich auf die Wirtschaft:

Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie

Ziel 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur

Ziel 12: Nachhaltige/r Konsum und Produktion

Insbesondere, weil die Wirtschaft einen großen Einfluss auf den Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen und unsere Gesellschaft hat, bietet diese das Potenzial, große Veränderungen zu schaffen. Dabei gibt es jedoch nicht die eine Definition nachhaltigen Wirtschaftens, vielmehr kann sie auf unterschiedliche Weisen verstanden und umgesetzt werden. Aufgrund dessen werden im Anschluss Ansätze Starker und Schwacher Nachhaltigkeit, die Konzepte Greengrowth (grünes Wirtschaftswachstum) und Degrowth (reduziertes oder kein Wirtschaftswachstum) sowie verschiedene konkrete Wirtschaftsmodelle vorgestellt.

Starke vs. Schwache Nachhaltigkeit
Die Gestaltung und Ausprägung einer nachhaltigen Wirtschaft ist unter anderem davon abhängig, welches Konzept als Grundgedanke der Nachhaltigkeit gewählt wird. Hier wird insbesondere zwischen der Starken und der Schwachen Nachhaltigkeit entschieden. Grundsätzlich unterscheiden sich beide darin, dass gewisse Kapitale eine andere Gewichtung erhalten. Zu diesen Kapitalien zählen: Sachkapital (Produktionsmittel, Transport, Infrastruktur), Naturkapital (Natur, Tiere, Pflanzen, Rohstoffe, etc.), Sozialkapital (moralisches Orientierungswissen, Institutionen, etc.), Humankapital (Fähigkeiten, Bildung) und Wissenskapital. Je nach Auswahl des Konzepts wird Nachhaltigkeit unterschiedlich beurteilt und so auch die politischen und wirtschaftlichen Strategien sowie die Auswahl von Nachhaltigkeitsindikatoren.

Quelle: Eigene Darstellung nach Purvis, Mao & Robinson 2018.

Laut der Schwachen Variante ist eine Handlung oder ein System nachhaltig, wenn das Gesamtkapital (bestehend aus allen Kapitalien) gleichbleibt oder wächst. Zusätzlich geht dieses Konzept davon aus, dass die unterschiedlichen Kapitale austauschbar sind. Demnach kann ein System auch dann nachhaltig sein, wenn das Naturkapital minimiert wird, dieser Verlust jedoch durch erhöhtes Sach- oder Humankapital ausgeglichen wird. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der Abbau von Rohstoffen, wie Kohle oder Erdöl, welcher Umweltschäden mit sich bringt, aber Wirtschaftswachstum fördert. Der Fokus liegt darin, den globalen Wohlstand zu erhalten und zu steigern. Zusätzlich wird hier davon ausgegangen, dass es für einen Verlust an Naturkapital Kompensationsmöglichkeiten gibt. Ein Beispiel wäre hier, dass für den Bau einer Autobahn ansässige Anwohner*innen Zahlungen erhalten, um die Lärmbelastung zu entschädigen. Diese Kosten-Nutzen-Rechnung ist allerdings kritisch, weil die Kosten für eine Umweltzerstörung schwer messbar und rückgängig zu machen sind. Eine Darstellung dieses Konzeptes ist in der folgenden Abbildung ersichtlich: Die Dimensionen Wirtschaft, Soziales und Ökologie werden als gleichberechtigt und gleich wichtig angesehen.

Quelle: Eigene Darstellung nach Purvis, Mao & Robinson 2018

Im Gegensatz dazu steht die Starke Nachhaltigkeit, bei welcher der Erhalt der Umwelt im Mittelpunkt steht. Hier ist das Naturkapital nicht oder nur eingeschränkt austauschbar, damit dieses langfristig konstant gehalten wird und so für die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen erhalten bleibt. Hiernach dürfen Rohstoffe, die nur in begrenzter Form vorhanden sind, nur so verbraucht werden, dass sie sich wieder regenerieren können. Eine Zerstörung und den kompletten Verbrauch von natürlichen Materialien darf es laut der starken Variante nicht geben. Natur- und Sachkapital werden hier im Kernunterschied zur Schwachen Nachhaltigkeit nicht gleichgesetzt. Stattdessen wird die Wirtschaft als ein Subsystem der Gesellschaft und diese wiederum der Biosphäre angesehen, weil sie von der Menge an verfügbaren Ressourcen und der Gegebenheiten der sozialen und physischen Umwelt abhängig ist. Das Konzept stellt demnach eine Kritik an unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dar und hinterfragt aus ethischer Perspektive, unsere Nutzung und unser Ausmaß an dem Verbrauch natürlicher Ressourcen. Der Unterschied zur Schwachen Nachhaltigkeit wird im nachfolgenden Modell ersichtlich: Die verschiedenen Dimensionen werden so dargestellt, dass sie voneinander abhängig sind. Hiernach kann es keine Wirtschaft ohne soziale Grundlagen und diese wiederum nicht ohne Ökologie geben.

In unserem Projekt berufen wir uns auf ein starkes Nachhaltigkeitsverständnis.

Greengrowth vs. Degrowth
Aufbauend auf der starken und schwachen Nachhaltigkeit gibt es eine weitere Differenzierung darüber, wie nachhaltig gewirtschaftet werden soll. Bei dem grünen Wachstum (Greengrowth) geht es darum, ökonomisches Wachstum so zu gestalten, dass die natürlichen Ressourcen nachhaltig und innerhalb der planetaren Grenzen genutzt werden. So soll langfristig eine grüne Ökonomie und Alternative zum gegenwärtigen System geschaffen werden. Hierfür bedarf es neuen Ideen für Geschäftsmodelle und Produktionsarten, wobei technische Innovationen eine große Rolle spielen. Außerdem müssen Gesellschafsstrukturen und Konsumverhalten transformiert werden. Langfristig sollen bei der grünen Ökonomie Wirtschaftswachstum und -Leistungsfähigkeit, Generationengerechtigkeit sowie ökologische Verantwortung zusammengebracht werden.
Bei der Degrowth-Bewegung / Postwachstum (kein oder geringes Wachstum) wird hingegen davon ausgegangen, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem, welches grundlegend auf Konkurrenz und kontinuierliches Wachstum ausgelegt ist, sowie unsere darauf angepasste Gesellschaftsform, verändert werden muss. Eines der Hauptargumente ist, dass es kein unendliches Wirtschaftswachstum in einer Welt mit begrenzten Ressourcen geben kann. Mehr dazu in dem Tab Postwachstumsökonomie (siehe unten).

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Entwicklungen im Umgang mit Geld und Boden.

*der Unterschied zwischen System transformierend und System affirmierend bezieht sich in diesem Zusammenhang darauf, ob ein Konzept das Wirtschaftssystem grundlegend transformiert oder ob sich ein Konzept im gegenwärtigen Wirtschaftssystem bewegt und dieses bestätigt, um hier bestehende Strukturen zu verändern oder anzupassen.